Corona verstärkt Dominanz der Online-Apotheken

Der Trend zum Versandhandel von Medikamenten wurde durch Corona noch verstärkt. Mit der Einführung des E-Rezepts im Jahr 2022 wird der Online-Kauf von rezeptpflichtigen Arzneimitteln gestärkt.

Nicht erst seit der Corona-Krise wächst die Dominanz der Online-Apotheken beständig. Die Präsenzapotheken geraten zunehmend unter Druck. Mittlerweile schützt die Bundesregierung die Präsenzapotheken via dem "Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken" (1).

E-Rezept kommt

Laut der "Apothekenmarktstudie 2020" (2) der Bad Homburger Unternehmensberatung Sephora" wird das E-Rezept kommen und die Relevanz von digitalen Plattformen massiv stärken. Insbesondere für stationäre Apotheken gelten diese Veränderungen als besondere Herausforderung." Gemäß dem Bundesministerium für Gesundheit ist die verpflichtende Nutzung des E-Rezepts bei der Verordnung von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ab Januar 2022 Pflicht. Durch das "Gesetz zum Schutz elektronischer Patientendaten in der Telematikinfrastruktur (Patientendaten-Schutz-Gesetz, PDSG)" wurde das E-Rezept seit dem 20. Oktober 2020 in die Gesundheitsversorgung eingeführt. Mit dem E-Rezept muss der Arzt das Rezept nicht mehr in Papierform ausstellen. Alle Informationen, die von der Apotheke benötigt werden, werden in ein zentrales Informationssystem eingeben. Via App erhält der Patient dann ebenfalls Zugriff auf das Rezept. Z. B. über einen QR-Code-Scanner kann die Apotheke zur Herausgabe der Medikamente die verschlüsselten Informationen auslesen. Die Ausstellung von E-Rezepten ist sowohl für den Arzt als auch für den Patienten entlastend. Die Medikamente werden via Paketboten schnell versendet und auch die Ausstellung von Folgerezepten erfolgt einfach und digital. Bei den Apotheken entstehen weniger Fehlinterpretationen wegen unleserlicher oder beschädigter Rezepte. 

Laut der Sephora-Studie sind 82 Prozent der befragten Apotheken der Meinung, dass das E-Rezept die stationäre Apotheke im Wettbewerb mit dem Versandhandel nicht stärken wird. 35 Prozent der Konsumenten haben bereits Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente bei Versandapotheken eingelöst (+3 Prozent gegenüber 2019). 23 Prozent der Befragten lösen diese dort sogar regelmäßig ein (+4 Prozent). Ein Viertel der Befragten würde zur Einlösung eines E-Rezepts sogar die Versandapotheke gegenüber der Präsenzapotheke präferieren. Für 35 Prozent der Befragten macht die Einführung des E-Rezeptes den Versandhandel attraktiver. 

Konkurrenzsituation auf dem deutschen Apothekenmarkt

Schon bei der Entstehung der Versandapotheken fürchteten viele Apotheken um ihre Existenz. Versandapotheken bieten für viele Medikamente Rabatte an. Stationäre Anbieter sehen sich daher einem ungerechten Wettbewerb ausgesetzt. 

Im Bereich der rezeptfreien Arzneimittel erreichte der Versandhandel laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V (ABDA, 3) bereits 16,4 Prozent am Gesamtumsatz im Jahr 2019. Bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln liegt der Anteil am Umsatz deutlich niedriger (2018 bei rund 1 Prozent). Im Jahr 2019 lag der Anteil des ausländischen Versandhandels an den Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherungen (meist verschreibungspflichtige Arzneimittel) bei 1,2 Prozent. In Schweden ist der Online-Verkaufsanteil an verschreibungspflichtigen Medikamenten schon mehr als zehnmal höher. In Deutschland haben 2920 Apotheken eine Versandhandelserlaubnis nach § 11a Gesetz über das Apothekenwesen (ApoG). Davon betreiben bisher nur rund 150 Unternehmen aktiven Versandhandel bzw. einen Online-Shop. Eine Zunahme des Versandhandels von Präsenzapotheken ist aufgrund der Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit also zu erwarten. Schon entwickelt die Versandapotheke DocMorris eine neue Plattform, auf der sie stationäre Apotheken mit Patienten zusammenbringen will. Es ist geplant, dass eigene Versandgeschäft mit dem stationären Handel zu vernetzen. Patienten sollen ihre Medikamente im Online-Shop bestellen und dann festlegen, in welcher Apotheke vor Ort sie das Präparat noch am selben Tag abholen können oder ob sie es sich vom Versender schicken lassen wollen. Mit der Idee ist das Unternehmen nicht allein, auch andere Anbieter planen oder haben bereits einen offenen Marktplatz bzw. Online-Shop für den Handel mit pharmazeutischen Produkten. 

Die Einführung des elektronischen Rezepts wird sicher nicht das Ende stationärer Apotheken bedeuten. Den meisten Patienten ist es trotz der Digitalisierung vieler Services weiterhin sehr wichtig, persönlich beraten zu werden. Hier liegt ein großer Vorteil der stationären Apotheken. 

Player im Apothekenmarkt

Der deutsche Markt wird mittlerweile von vielen Online-Apotheken wie z. B. DocMorris, ShopApotheke, Apotal, Medpex, Sanicare und Apo-Discounter bedient. Der Marktführer in Deutschland ist im Jahr 2020 wieder die niederländischen ShopApotheke Europe, gefolgt von der ebenfalls niederländischen Online-Apotheke DocMorris (zusammen rund 65 Prozent Marktanteil). Im Jahr 2019 war DocMorris Marktführer. Im November wagte Amazon mit Amazon Pharmacy den Einstieg in den US-Markt für Pharmazeutika. Schon im Juli 2018 hatte der Online-Versandhändler sein Bestreben eindrucksvoll durch den Kauf der US-amerikanischen Online-Apotheke PillPack belegt. Kenner der Branche gehen bereits von Übernahmen in Deutschland und Europa aus. 

Gemäß der Apothekenmarktstudie werden kleinere Versandapotheken perspektivisch aufgeben beziehungsweise versuchen, ihre Unternehmen zu verkaufen. In Deutschland zugelassene Versandapotheken sind öffentliche Apotheken mit einer speziellen Versandhandelserlaubnis. „Die Pharmahersteller werden die Marktmacht der Holländer zu spüren bekommen. Wir rechnen mit Massenmarkt-ähnlichen Ausgangssituationen, die sich negativ auf die Margen auswirken können“, sagte der Leiter der Studie Tobias Brodtkorb. Insbesondere die Schweizer „Zur-Rose-Gruppe“ hat zuletzt durch rege Zukäufe die Marktkonsolidierung im deutschen Arzneimittel-Versandhandel vorangetrieben. Mit weiteren Übernahmen dürfte zu rechnen sein. Derzeit agiert die Gruppe hierzulande mit sechs divers aufgestellten Versandapotheken. Dazu zählen neben DocMorris auch Med-Pex, Apo-Rot, Eurapon, Zur Rose, Vitalsana und die VFG Versandapotheke. Die beiden größten Player werden ihren Wettbewerbsvorsprung und ihre Leistungsfähigkeit noch weiter ausbauen. Der Pharmaindustrie legt Brodtkorb daher nahe, „zwingend eine europäische E-Commerce-Strategie aufzusetzen“. Deutsche Apotheken und Versandhandelsapotheken sind im EU-Vergleich durch eine ungleiche Rechtslage benachteiligt. 

Coronavirus beschleunigt Trend zu Online-Medikamentenkäufen

Die Corona-Pandemie hat den Trend der vergangenen Jahre noch verschärft. Laut dem klinischen Auftragsforschungsinstitut IQVia ist der Anteil der Versandapotheken am gesamten Apothekenmarkt in den vergangenen Monaten um mindestens zwei Prozent gestiegen. Damit liege der Anteil aktuell bei rund 18 Prozent. Das Marktforschungsinstitut DatamedIQ bezifferte ihn gar auf mehr als 20 Prozent. Gemäß dem wöchentlichen Corona Consumer Tracking (4) des Marktforschungsinstituts Appinio kaufen 69 Prozent der Befragten rezeptfreie Medikamente mindestens ab und zu in Online-Apotheken. Bei rezeptpflichtigen Medikamenten sind es 42 Prozent. 62 Prozent der befragten Frauen schließen die Nutzung von online Apotheken beim Kauf von rezeptpflichtigen Produkten eher aus als Männer (54 Prozent). 17 Prozent der Befragten haben während der Corona-Pandemie zum ersten Mal Medikamente in einem Online-Shop einer Apotheke gekauft. Vor allem unter den jüngeren Altersgruppen haben einige erst durch die Corona-Krise in einem Online-Shop einer Apotheke eingekauft: 25 Prozent der 18- bis 24-Jährigen und 24 Prozent der 25- bis 34-Jährigen haben das Angebot genutzt - zudem auch sieben Prozent der 55- bis 65-Jährigen. 

Aktuell können sich 67 Prozent der Studien-Teilnehmer vorstellen, E-Rezepte zu nutzen, um rezeptpflichtige Medikamente direkt bei einer Internetapotheke zu kaufen. 75 Prozent der 25- bis 34-Jährigen würden sie eher bis sehr wahrscheinlich nutzen, während es unter den 55- bis 65-Jährigen nur 53 Prozent sind. Auch die im November 2020 in den USA gelaunchte Amazon Pharmacy kommt aufgrund des Coronavirus potenziell gut bei den deutschen Konsumenten an. In der Umfrage gaben 62 Prozent der Teilnehmer an, dass sie eher bis sehr wahrscheinlich rezeptfreie Medikamente bei Amazon kaufen würden. Knapp jeder Zweite (49 Prozent) könnte sich dies auch bei rezeptpflichtigen Medikamenten vorstellen. Im Rahmen der Appinio-Studie wurden 1000 Deutsche repräsentativ befragt. In der Online-Apotheken-Studie 2020 (5) wurde untersucht, welche Internetapotheken für die Zukunft am besten aufgestellt sind und welchen Einfluss die Corona-Pandemie hat. Laut der Studie ist die Shop Apotheke wieder die neue Nummer 1 der Internetapotheken in Deutschland, nachdem sie im letzten Jahr die Poleposition an DocMorris abgeben musste. Die Sichtbarkeit von DocMorris im Internet stiegt von Januar bis März 2020 um 16 Prozent für ausgewählte Keywords. Auch die Aktienkurse der Online-Apotheken (z. B. Zur Rose) stiegen gewaltig. 

Literatur:

1 Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken, Bundesregierung, download 

2 Apothekenmarktstudie, SEMPORA Consulting GmbH, Bad Homburg v. d. Höhe, Kontakt: t.brodtkorb@sempora.com 

3 Die Apotheke - Zahlen * Daten * Fakten 2020, Hrsg. ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V., Berlin 

4 Corona Consumer Tracking, Ausg. 23. Nov. 2020, Marktforschungsinstitut Appinio, Hamburg, Download 

5 Online-Apotheken Studie Q4/20, Ranking der Top 20 Versandapotheken in Deutschland, Autor Dr.Kaske Marketingberatung, Hrsg. Smile BI, download 

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